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Soziale Bewegungsbeteiligung – Der Praxistest

Im Modul Sozialpsychologie geht es unter anderem um „Soziale Bewegungsbeteiligung“. Und hier ist mal ein sehr persönliches Beispiel dafür, dass die Theorie nicht immer an der Praxis vorbeischrammt, grins.

Am Donnerstag letzter Woche wurde durch die Hintertür die Internetzensur in Deutschland eingeführt – trotz einer Petition, die in kürzester Zeit von über 130.000 Menschen unterzeichnet worden war. Es gibt also eine Menge Leute, die das gar nicht gut finden – und die möglicherweise dagegen auf die Straße gehen würden.

Ich habe diese Petition auch unterzeichnet und war am Donnerstag entsprechend wütend und erschüttert. Aber reicht das aus, um an einer Protestaktion teilzunehmen?

Laut Theorie muss ein potenzieller Bewegungsteilnehmer bis zur tatsächlichen Teilnahme an Aktionen einer sozialen Bewegung vier Stufen überwinden:

Er muss

  • Teil des Mobilisierungspotenzials werden
  • Ziel von Mobilisierungsversuchen werden
  • Teilnahmemotivation entwickeln und
  • Teilnahmebarrieren überwinden

Zum Mobilisierungspotenzial gehört man, wenn man Meinungen und Überzeugungen der Bewegung teilt, mit ihr sympathisiert. Ok, ich habe die Petition unterschrieben, bin Mobilisierungspotenzial! Das ist zwar eine notwendige Voraussetzung für meine Teilnahme, aber nicht hinreichend…

Damit ich wirklich mitmache, muss ich aktiviert werden. Das funktioniert der Theorie nach am besten über persönliche Netzwerke. Am Freitag hat mir meine sozial engagierte Freundin ponyQ eine dezente Mobilisierungsmail geschickt: „Am Samstag ist Demo, hast du schon was vor?“ Ich wusste von nix, hab dann die Details recherchiert und tatsächlich angefangen zu überlegen, ob ich schon was vor hab…Also:  Ziel von  Mobilisierungsversuchen werden müssen, stimmt auch!

Reicht aber noch nicht, ich muss auch motiviert sein! Und an dieser Stelle wird der Mensch zum homo oeconomicus…er wägt nämlich Kosten und Nutzen ab. Er fragt sich: Bringt das was? Lohnt sich das? Ist das nicht reine Zeitverschwendung? Guckt doch eh wieder kein Schwein…und so weiter.

Theoretisch multipliziert er nun flugs den Wert, den er der Zielerreichung beimisst, mit seiner subjektiv empfundenen Wahrscheinlichkeit, dass das Ziel durch die Aktion erreicht werden kann (kollektives Motiv).  Oder es ist ihm wichtig, was andere von ihm denken: dann multipliziert er die Qualität der erwarteten Reaktionen (z.B.: Du bist klasse!) mit der persönlichen Bedeutung dieser Reaktionen für ihn (soziales Motiv). Das gleiche dann nochmal mit den materiellen Kosten bzw. dem materiellen Nutzen, also z.B. lohnen sich dafür die zweieurozwanzig für’s Busticket? (Belohnungsmotiv).

Ich geb zu, ich habe alle Motiv-Berechnungen fein säuberlich durchgeführt – das mit dem Busticket hieß bei mir allerdings: wenn ich zur Demo gehe, muss ich heute auf’s Joggen verzichten…Und nur damit sich die ganze Rechnerei auch gelohnt hat, grins, hab ich mich fest entschlossen, zur Demo zu gehen.

Zu guter Letzt sind noch die Teilnahmebarrieren zu überwinden, nein nicht die Barrikaden…noch nicht. Wäre ich in der Nacht krank geworden oder die Busfahrer hätten am Samstag gestreikt oder mein Wellensiitich wäre entflogen…dann hätte mich das im letzten Moment noch abhalten können, trotz positiv getroffener Entscheidung. Aber: ist alles gut gegangen und ich war quietschvergnügt auf der Demo, bin mit mit ein paar Hundert netten Leuten durch die Frankfurter Innenstadt gezogen und habe aus vollem Herzen skandiert:

Nur die Diktatur braucht Zensur!

Empirisch belegt ist übrigens, dass oft nicht einmal fünf Prozent der Personen, die zum Mobilisierungspotenzial gehören, tatsächlich an einer Aktion teilnehmen.

Und: danke, ponyQ, für deine Mobilisierungsmail! grins

Vierbeiniges Mobilisierungspotenzial

Papa...

Demo1984Zeit zum Aufstehen!Demokratie braucht keine Zensur!

  1. ponyQ
    23. Juni 2009 um 18:47 | #1

    Gut, dass du mein Mobilisierungspotential „mail“ potenziert hast!
    Ich hoffe, du hast für mich mitdemonstriert, grins.

    • beabeablog
      23. Juni 2009 um 18:57 | #2

      Klar, ponyQ, hab ich! Jedes zweite „Nur die Diktatur…“ hab ich deinem Namen skandiert! *doppelgrins*

  1. 23. Juni 2009 um 18:55 | #1